SINN

«Sinn ist verarbeitete Erfahrung.»
Viktor E. Frankl

Das Wort Sinn geht zurück auf das althochdeutsche sin: Fähigkeit, Reize zu empfinden, Denken, Gedanken, Gesinnung, Gemüt, Verstand, geistiger Inhalt.

Auch wenn wir den Sinn heute vor allem mit Denken und Verstand verbinden (bei Sinnen sein), offenbart die Sprache seine Nähe zu körperlichen Erfahrungen (sinnlich).

Sinn ist also mit einem Organismus verknüpft, der sensibel ist und denkt, das heisst, das Wahrgenommene «verarbeitet». Ob dieser Organismus ein Kollektiv ist (Familie, Unternehmen, Gesellschaft) oder ein einzelner Mensch, bleibt offen.

Die Wortgeschichte zeigt, dass im Sinn noch mehr Bedeutungen stecken: Begehren, Orientierung, Reise:

Sinn entstand aus dem Verb sinnen. Beide Wörter gehören zu der sehr alten Wortwurzel sent-: eine Richtung nehmen, gehen. Die ursprünglichen Bedeutungen sind im Wort senden noch erhalten, das auf die gleiche Wortwurzel zurückgeht und mit dem Sinn verwandt ist. Auch das althochdeutsche sind (Gang, Reise, Weg) ist mit ihm verwandt.

sinnen bedeutete in der mittelhochdeutschen Sprache: gehen, reisen, wahrnehmen, merken, verstehen, seine Gedanken oder Begierden auf etwas richten. Quelle: DWDS

Was also ist «Sinn»?

Bedeutungen gehen in Wörtern nicht verloren, sie sind höchstens versunken. Im Sinn steckt ein Bewegt-Sein, das mit einem Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Willensbildungsprozess verbunden ist.

Es ist kein Zufall, dass wir davon reden, einen Sinn zu «finden». Er liegt nicht einfach so am Wegrand. Sinn wird «gestiftet», von einem Menschen für sich selbst oder von einem Kollektiv für dieses Kollektiv. Er entsteht, wenn etwas «Inneres» und etwas «Äusseres» so im Austausch sind, dass eine «bewegende» Erkenntnis erzeugt wird. Wird Sinn gefunden, so ist dies ein Ereignis, das Wirkung hat.

Wo gefühlt, sinnlich wahrgenommen und nachgedacht wird, wo Begehren und Erkenntnis aufkommen – dort und nur dort kann Sinn überhaupt entstehen. Wer sich diesem Prozess öffnet, kann zu einer oder einem «Gesendeten» werden, zu jemandem, der eine Richtung einschlägt und geht – bewegt von dem, was erlebt, erkannt und gewollt ist. Dass senden und Sinn über ihre Wortgeschichten verwandt sind, ist oben erwähnt.

Werden neue Erfahrungen gemacht, die zu einem gefundenen Sinn nicht mehr passen, tritt eine Störung ein. Neue Wahrnehmungen und Empfindungen müssen mit bereits Erkanntem in Einklang gebracht werden. Gelingt dies nicht, kommt die Orientierung abhanden. Gelingt es, entsteht wiederum Sinn, der gegenüber einem früheren möglicherweise etwas verändert ist. Es ereignet sich neue Klarheit für die «Weiterreise». Und das ist aufregend.

Was sich bei solchen Prozessen im Hirn ereignet, hat der Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch Etwas mehr Hirn, bitte! (2018) eindrücklich beschrieben. Klarheit entsteht im Kopf. Nicht ein- für allemal, sondern immer wieder. Dazu beizutragen, ist der Sinn eines Coachings, das für eine Kundin oder einen Kunden nützlich ist.

Wenn ein einzelner Mensch darüber nachdenkt, was für ihn selbst Sinn macht, wenn er bei der Sinnfindung sein Eigenes einbezieht, auch dann, wenn dadurch eine Disharmonie zu seiner Umgebung entsteht, wird der Sinn zum EigenSinn.